Homerecording Guide Für Rock Und Metal –
Part 4: Homestudio-Workflow

Home Studio Workflow - title image

Das ist der vierte Teil der Homerecording-Guide-Reihe, in dem wir uns ansehen, wie ihr das Beste aus den Homerecording-Sessions mit eurer Band herausholen könnt. Dazu gehören die Planung und Vorbereitung sowie der Arbeitsablauf von Recording-Sessions in einem Home-Studio.

1. Home-Studio vs. kommerzielles Studio

Bevor wir zu den spezifischen Workflow-Tipps kommen, wollen wir zunächst das Heimstudio mit kommerziellen Einrichtungen vergleichen, um mögliche Schwachstellen eines typischen Heimstudios zu erkennen. Im direkten Vergleich erkennt man sofort einige Ähnlichkeiten, zumindest oberflächlich betrachtet:

Home-Studio vs. kommerzielles Studio – Ähnlichkeiten:

    • Hauptziel / gewünschte Ergebnisse: In beiden Fällen besteht das Ziel darin, die Qualität der Produktion zu maximieren, um ein angenehmes Hörerlebnis zu ermöglichen.

    • Grundlegende Recording-Techniken: Die meisten Aufnahmetechniken und -prinzipien gelten für so gut wie alle Studioumgebungen.

    • Idealerweise: Der grundsätzliche Workflow und die Reihenfolge der Produktionsphasen (darauf kommen wir später zurück).

    Einige andere Punkte sind, obwohl sie leicht nachvollziehbar sind, vielleicht nicht so offensichtlich und machen die großen Unterschiede zwischen den beiden Studiokonzepten deutlich:

Home-Studio vs. kommerzielles Studio – Unterschiede:

  • Akustik: Aufgrund der Raumgröße, –geometrie und akustischen Maßnahmen sind kommerzielle Studios in Bezug auf die Akustik grundsätzlich nicht mit Home-Studios vergleichbar. In einem Home-Studio kann man einfach keine solche Ambience Dennoch könnt ihr sehr gute Ergebnisse erreichen und das Problem des fehlenden Raumeindrucks lässt sich oft in der Postproduktion umgehen – sofern ihr euer Home-Studio so eingerichtet habt, wie in Teil 2 und Teil 3 dieser Homerecording-Guide-Reihe empfohlen.

  • Buchung und Zeitplan: In einem professionellen kommerziellen Studio muss man Sessions lange im Voraus buchen und zahlt oft Pauschalpreise pro Tag. Wenn mehr Zeit benötigt wird, um ein Recording fertigzustellen, muss man zusätzliche Studiozeit bezahlen. Und weil diese Zeit so wertvoll ist, ist es besonders wichtig, sich intensiv auf das Recording vorzubereiten, um die Zeit so effizient wie möglich nutzen zu können. Im Gegensatz dazu gibt es im Homestudio nicht diesen Druck, Sessions aus finanziellen Gründen schnell erledigen zu müssen. Allerdings ist der Unterschied in der Wichtigkeit der Vorbereitung auf die Aufnahme wahrscheinlich geringer, als ihr denkt, aber dazu kommen wir später noch.

  • Flexibilität: Eine Aufnahme nur einen Tag vor der geplanten Zeit abzusagen (beispielsweise), würde euch in jedem kommerziellen Studio zumindest einen Teil des ursprünglichen Preises kosten – in eurem eigenen Homestudio gibt es so etwas nicht. Die einzige Einschränkung ist hier euer eigener Kalender.

  • Zeitrahmen, Deadlines: Dieser Punkt hängt mit den beiden vorherigen zusammen. Wenn ihr in ein Studio geht, wird dort wahrscheinlich nur ein begrenzter Zeitraum zur Verfügung stehen, um Sessions zu buchen. Daraus ergibt sich automatisch die Deadline, wann das Recording abgeschlossen sein muss. Wenn ihr selbst aufnehmt, könnt ihr die Deadlines größtenteils selbst festlegen.

  • Verantwortung: Wie ihr seht, ist der Besuch eines kommerziellen Studios mit verschiedenen Einschränkungen verbunden, aber diese Einschränkungen haben auch einen Vorteil: Abhängigkeiten und externe Deadlines nehmen euch in die Verantwortung und verhindern, nachlässig zu werden. Das kann eine wichtige Rolle dabei spielen, ob Ihr euer Projekt tatsächlich abschließt und eure eigenen Erwartungen erfüllt.

  • Personal, Rollen und Verantwortlichkeiten: Im Gegensatz zum Homerecording ist bei einer Session in einem kommerziellen Studio zusätzliches Personal mit bestimmten Aufgaben und Verantwortlichkeiten Im Minimum ist das vielleicht ein Tontechniker, der die Session leitet, aber je nach Art des Projekts und des jeweiligen Studios können noch viele weitere Personen beteiligt sein: Ein Producer, ein Engineer, vielleicht sogar ein Tape-/DAW-Operator, ein Assistant Engineer… Das Wichtigste ist, dass ihr euch keine Gedanken über technische Fragen machen müsst und von der Erfahrung und Unterstützung der Studioprofis profitiert. Wenn ihr allein zu Hause aufnehmt, fehlt euch das, aber dafür seid ihr unabhängig und flexibel.

Nachdem wir nun die Unterschiede zwischen Homestudios und kommerziellen Studios geklärt haben, können wir untersuchen, was man von diesen Einrichtungen „klauen“ kann.

Microphone (left), DAW Mixing Session (right)

2. Trennung der Produktionsphasen

Wie oben unter “Gemeinsamkeiten” beschrieben, kann es von Vorteil sein, die Produktion in bestimmte Phasen zu unterteilen. Das ist fast immer der Fall, wenn ihr ein kommerzielles Studio für eure Produktion bucht. Im Allgemeinen besteht der gesamte Produktionsprozess aus Songwriting und/oder Pre-Production, Recording, Editing, Mixing und Mastering. Aber warum sollte man im Homestudio das Gleiche tun und alles voneinander trennen, wenn man auch einfach tun kann, was einem gerade in den Sinn kommt? Die folgenden Gründe erklären das:

  • Fokus: Die Vermischung verschiedener Produktionsaufgaben zu vermeiden, hilft sicherzustellen, dass ihr euch immer auf das Wesentliche konzentrieren könnt. Stellt euch vor, ihr versucht eine Demo zu mischen, während ihr noch an manchen Teilen des Songs schreibt: Man lässt sich sehr leicht von einer der beiden Aufgaben ablenken. Außerdem verliert man den Moment „unvoreingenommen“ und mit frischen Ohren an die jeweilige Aufgabe heranzugehen, was ohnehin ein schwieriger Aspekt bei Eigenproduktionen ist.

  • Kreativität aufrechterhalten: Man verliert sie leicht, wenn man an zu viele Dinge gleichzeitig denkt. Es mag zwar inspirierend erscheinen, mit allen möglichen Produktionstechniken und -technologien gleichzeitig zu experimentieren, aber es ist wahrscheinlicher, dass man an “option anxiety” oder “paralysis by analysis” leidet, sobald man das versucht. Wie auch immer man es nennen mag, es bedeutet, dass man einfach zu viele Optionen hat und die Perspektive verliert. Indem Ihr die verschiedenen Aufgaben im Studio klar voneinander trennt, verringert ihr dieses Risiko erheblich und steigert sogar eure Kreativität.

  • Verbindlichkeit: Während der gesamten Produktion werden so viele Entscheidungen getroffen, dass es am besten ist, sie so früh wie möglich zu treffen. Schleppt also beispielsweise Songwriting-Fragen nicht bis zur Recording-Session – schließt stattdessen das Songwriting zu 100 % im Voraus ab und versucht, euch auf so viel wie möglich festzulegen, damit ihr euch während der Aufnahme ausschließlich auf die Performance konzentrieren könnt. Nur weil ihr beim Homerecording die Flexibilität habt, heißt das nicht, dass ihr sie nutzen solltet, um zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her zu springen, wie im obigen Beispiel.

Alle oben genannten Punkte sind im Wesentlichen Dinge, die ihr vom Workflow in kommerziellen Studios übernehmen könnt und solltet. Folgendes sollte in jeder Phase passieren, bevor es jeweils mit dem nächsten Schritt weitergeht:

Songwriting:

  • Stellt alle Parts von allen Songs fertig. Das beinhaltet:
    • Drums, Bass, Gitarren, Vocals, Backing Vocals
    • Zusätzliche Elemente wie Synths, Streicher, Percussion-Parts
    • Texte.

Pre-Production:

  • Finalisiert alle Songs und Texte.

  • Überprüft das Arrangement noch einmal auf Spannungskurve, Emotion, Hörer-Engagement und darauf, dass der Song interessant bleibt – nehmt entsprechende Änderungen vor und dokumentiert sie (Aufnehmen, Demo produzieren, Notizen machen).

  • Analysiert die Stärken und Schwächen in jedem Teil eurer eigenen Performance und der der anderen Bandmitglieder – nehmt entsprechende Änderungen vor.

  • Notiert jegliche Änderungen an den Songs. Noch besser: Nehmt eine Demo der endgültig vereinbarten Version auf (oder stellt sie fertig), die alle Teile enthält.

  • Erstellt ein Guide Track (auch Scratch Track genannt) für jeden Song für die Recording-Sessions. Ein Guide Track enthält die wichtigsten Instrumente zur Orientierung. Meistens sind das zumindest die Rhythmusgitarren und Vocals, damit der Drummer mit Klick beim Recording darauf spielen kann. Das ist auch der Grund, warum ein Guide Track immer genau im richtigen Tempo auf Klick aufgenommen werden sollte. Wenn ihr eine vollständige Demo habt, könnt ihr natürlich diese als Guide Track benutzen (oder Teile davon).

  • Produziert alle zusätzlichen Elemente, von denen ihr wisst, dass ihr sie in den Mix einfügen wollt, damit die Songs voller oder vollständiger klingen, z.B. Synths, Streicher, Special Effects etc.

Recording:

  • Pflege, Wartung und Optimierung aller Instrumente vor dem Recording

  • Session-Einrichtung

  • Einstellen/Finden der besten Sounds für den Song / das Projekt / die Session

  • Einfangen der bestmöglichen Performances, ohne Fehler, rhythmisch tight, mit der richtigen Emotion/Attitude, die zum Song passt.

  • Comping aller Performances zu finalen Takes. „Comping“ ist kurz für take compositing, d.h. das Erstellen eines vollständigen Haupt-Takes aus mehreren verschiedenen Einzeltakes, um an jeder Stelle die beste Performance zu erhalten.

Editing:

  • Grundlegende Audioschnitte, Fades etc., um die Session aufzuräumen
  • Optimieren und Aufwerten der Performances
  • Rhythmus-/Timing- und Tonhöhenkorrekturen
  • Audiorestauration, falls erforderlich

Postproduktion (optional / bei Bedarf):

  • Hinzufügen weiterer Produktionselemente/Layer, Ausfüllen des Arrangements
  • „Ear candy“, Spezialeffekte

Ab diesem Punkt sollte die Produktion für das Mixing und Mastering bereit sein und es sollte nur noch um den Export der Einzelspuren für den Mixing Engineer gehen.

3. Teamwork & Aufgabenverteilung

Das ist auch etwas, das man sich aus dem Studioalltag in kommerziellen Einrichtungen abschauen kann: Die Arbeit in verschiedene Aufgaben aufzuteilen und diese, wo immer möglich (und sinnvoll), verschiedenen Personen zu übertragen. Hier sind ein paar Ideen, wie man das im Kontext einer „self-producing“ Band machen könnte:

  • Eine Person ist hauptverantwortlich für Produktion und Engineering / Technik des Musikprojekts.
  • Eine Person ist zuständig für organisatorische Aufgaben wie
    • Zeitplanung
    • Schreiben von Gitarren-/Bass-Tabs als Referenz für die Recording Sessions
    • das Erstellen von Lyric Sheets mit den finalen Texten im Vorfeld der Aufnahme etc.

Selbst Aufgaben, für die alle gleichermaßen verantwortlich sind, können in verschiedene Aspekte unterteilt werden. Ein paar Beispiele:

  • Songwriting / Pre-Production: Jedes Bandmitglied sollte seinem eigenen Instrument/Part besondere Aufmerksamkeit

  • Was ebenfalls zu interessanten Ergebnissen führen kann, ist eine spezielle Phase während der Vorproduktion, in der sich jeder auf alles andere außer seinen eigenen Part

  • Üben (nicht die Bandproben, sondern jeder für sich)
    • Jeder analysiert zunächst seine eigene Performance (aufnehmen!), um Stärken und Schwächen zu erkennen.
    • Danach und während man an den eigenen Schwächen arbeitet, konzentriert sich jeder auf die Performances der anderen Bandmitglieder und analysiert sie wie zuvor die eigene.
    • Das Feedback, das sich daraus gewinnen lässt, sollte in der nächsten Bandprobe mit allen besprochen werden, rechtzeitig vor dem Recording. So könnt ihr als Band so viele Ideen wie möglich sammeln und entscheiden, was noch verbessert oder so verändert werden muss, dass es sich besser spielen lässt etc.

Wie ihr seht, sollte sich die gründliche Vorbereitung auf das Recording im Homestudio nicht wirklich von der für ein großes kommerzielles Studio unterscheiden.

4. Zeit-/Projektmanagement

Hier kann der Unterschied zwischen Amateurbands und (semi-)professionellen Musikern liegen, die Ambition und Fähigkeit haben, bedeutungsvolle Ergebnisse zu erzielen, die hohen Ansprüchen entsprechen. Wenn ihr euer Projekt nicht wie ein Profi behandelt (wie echte Arbeit), dann werdet ihr keine Ergebnisse sehen, die euren Ansprüchen genügen. Behandelt euer Studioprojekt deshalb ernsthaft – so wie einen normalen Job. Die folgenden Punkte solltet ihr berücksichtigen, wenn ihr das Projekt so reibungslos wie möglich durchführen wollt:

  • Wieviel Zeit steht zur Verfügung? Welche Deadlines gibt es?

  • Berechnet die Zeit (in Stunden), die für die Aufnahme der einzelnen Instrumente verwendet werden kann. Denkt daran, was alles zu den Recording-Sessions gehört:
    • Vorbereitung/Setup von Instrumenten, vor allem Drums
    • Warmup-Zeit, Sounds finden/einstellen
    • Recording der eigentlichen Takes: Ein paar Full-Takes und mehrere weitere Durchläufe bestimmter Stellen, um die Performance des gesamten Songs zu perfektionieren.

  • Ich empfehle dringend: Stellt sicher, dass ihr genügend Zeit habt, um hochwertige Ergebnisse zu erzielen. Wenn ihr bemerkt, dass ihr Abstriche machen müsst, überdenkt die Deadlines und den Zeitplan und versucht, mehr Zeit für die Recordings zu gewinnen. Schlampereien bei den Performances sind es nie wert!

  • Plant genaue Termine für die Aufgaben, um sie im vorgesehenen Zeitrahmen zu erledigen.

  • Lasst einen Puffer von etwa 10-20%. Das ist verfügbareZeit, die aber nicht für Aufgaben eingeplant wird.

  • Verwendet die SMART-Methode, um Ziele zu definieren. SMART steht für: Spezifisch, messbar, angemessen/akzeptiert, relevant und terminiert. Ein Ziel hat eine Zahl (zumindest ein Datum)! Beispiel: Gitarren-Recording für 5 Songs (Rhythmus-, Lead- und Overdub-Gitarren – inklusive allen Dopplungen; insgesamt durchschnittlich 6 Spuren pro Song) bis 31. Juli; Qualität (Sound, Performance) vergleichbar mit Referenzsongs.

  • Erhöht die Verantwortlichkeit aller Beteiligten, indem ihr Deadlines setzt und ihnen einen Wert zuschreibt. Eine Möglichkeit dafür ist, externe Deadlines zu setzen, die andere Personen einbeziehen, z.B. durch die Ankündigung des Release-Datums im Voraus.

  • Benutzt einen gemeinsamen Kalender, der von allen Bandmitgliedern ordentlich und regelmäßig gepflegt wird, um den Überblick über die Termine und Deadlines zu behalten.

5. Session-Vorbereitung und -Organisation

Bevor das Recording starten kann, müssen einige Dinge erledigt werden. Wenn ihr diese vor Beginn der Session erledigt, habt ihr mehr Zeit für das Wesentliche: Kreativität und das Einfangen der bestmöglichen Performance. Folgendes sind die grundlegenden Schritte zur Vorbereitung der DAW:

  • Erstellen und Benennen der Session-/Projektdatei, Prüfen der Einstellungen (Audiogerät, I/O-Einstellungen, Buffer size). Siehe auch: Kapitel 6 von Teil 3 der Homerecording-Guide-Reihe.

  • Importieren des Materials von der Pre-Production, Demo / Guide/Scratch Tracks

  • Importieren von Referenzsongs

  • Tempoeinstellungen inklusive jeglicher Tempoänderungen (Tempo-Map)

  • Taktarteinstellungen inklusive jeglicher Taktartänderungen

  • Erstellen aller benötigten Instrumentenspuren für die Session

  • Erstellen aller benötigten Audiospuren für die Session

  • Erstellen eines Busses / einer Aux-Spur für den Kopfhörer-Monitormix

  • Erstellen von Pre-Fader-Sends zum Kopfhörer-Bus / -Aux auf allen anderen Spuren, um den Kopfhörermix einzustellen.

  • Routing: Audioeingänge für Audiospuren MIDI-Eingänge für MIDI- / Instrumentenspuren; internes Bus-Routing (zu Aux-/Master-Spuren etc.); Output-Routing (zu den Studiomonitoren und Kopfhörern)

  • Erstellen von Gruppen, wo immer sinnvoll (z.B. alle Drum-Mikrofonspuren, Gitarren-Mikrofon- und DI-Spur)

Session-Management/-Organisation:

Einen guten Überblick über die gesamte Recording-Session zu behalten ist essenziell, da man sich so auf die kreativen und performativen Teile der Produktion konzentrieren kann. Um technischen Ärger so gering wie möglich zu halten, gibt es einige Best Practices und Methoden, die euch dabei helfen:

  • Alle Spuren passend benennen – so klar und kurz wie möglich, z.B. RH GTR L für Rhythmusgitarre links, LV für Lead Vocal, DBL für Vocal Double etc. Denkt euch Namen aus, die für euch am meisten Sinn ergeben!

  • Eine feste Spur-Reihenfolge verwenden, um sie schnell zu finden (z.B. Kick, Snare, Toms, Overheads; Bass; Gitarre links, Gitarre rechts, Leadgitarre usw.).

  • Farbcodierung zur besseren Übersicht

  • Methoden für die Aufnahme mehrerer Takes:
    • Punch In/Out: Umschalten vom Wiedergabe- in den Aufnahmemodus (während des Playbacks) und zurück, um Teile eines Takes zu ersetzen
      • Vorteile: Die Session wird nicht mit ungenutzten Takes überladen, man kann direkt im Moment entscheiden, was man behält und was man neu aufnimmt.
      • Nachteile: Man kann den Überblick über den Verlauf der letzten Punch-Ins verlieren, wenn man zu einem bestimmten davon zurückkehren will.

    • Playlists, Track Versions oder ähnliches: Mehrere Takes pro Spur in separaten „Unterspuren“ („Playlists“, „Track Versions“) aufnehmen und ablegen.
      • Vorteile: Möglichkeit, alle Takes anzuhören und später zu „compen“ oder neu zu compen, indem Teile nachträglich gegen andere Takes ausgetauscht werden
      • Nachteile: Zeitaufwändiger, Gefahr sich in einer zu großen Take-Auswahl zu verlieren.

    • Hauptspur zum Aufnehmen mit separaten Spuren zum Verschieben von Takes – für Dopplungen, Layering, Harmonien etc.
      • Vorteile: Schnell aufnahmebereit, kein Aktivieren/Deaktivieren verschiedener Spuren für die Aufnahme
      • Nachteile: Die aufgenommenen Audioclips haben alle denselben Namen wie die Hauptspur (mit angehängten aufsteigenden Nummern), was es möglicherweise schwierig macht, nachzuverfolgen, wo man den Take/Clip haben wollte.

6. Tracking-Workflow

Jetzt zu dem eigentlichen Aufnahme-Workflow: Hier gibt es keine festen Regeln, aber in den meisten Fällen ist es wahrscheinlich am sinnvollsten, diese grundlegenden Schritte zu befolgen:

  • Setup: Instrumente, Mikrofone, DI-Boxen, Effektpedale etc. aufbauen

  • Einpegeln (Meine Empfehlung: Peaks ungefähr bei -10 bis -12 dB in der DAW)

  • Sounds finden und einstellen (hört euch Referenzsongs an, um sicherzugehen, dass ihr in einem guten Bereich seid!)

  • Aufnahme eines Aufwärm-Takes, um zu prüfen, ob alles funktioniert und so klingt wie gewollt.

  • Aufnahme des ersten vollständigen Takes, kritisch darauf achten, wo die Performance bereits gut klingt und wo nachgebessert werden muss; Notizen machen bzw. Marker in der DAW setzen.

  • Wiederholung mit einem zweiten und dritten Full-Take (vor allem mit Drums); wieder Notizen machen und die besten Teile dieser ersten Takes zusammensetzen (comping)

  • Anschließend Punch-Ins für einzelne Stellen durchführen, die noch verbessert werden müssen (oder zusätzliche Takes für diese Stellen machen)

  • Wenn ihr denkt, dass ihr alles aufgenommen habt (für das Instrument / den Part, an dem ihr arbeitet), erstellt das finale Comp (Take Compositing) und hört euch den ganzen Song an. Wenn ihr irgendetwas hört, das geändert/verbessert werden muss, wiederholt den letzten Schritt, bis ihr zufrieden seid.

Das Wichtigste beim Recording ist, sich auf die Performance zu konzentrieren: Emotion/Attitude, Dynamik, Timing, Intonation.

7. Was nach dem Recording zu tun ist

Oft wird missverstanden oder vernachlässigt, was genau nach dem Recording zu tun ist. Viele denken, dass der/die Song(s) einfach zum Mixing weitergereicht werden können, ohne sich bewusst zu sein, was Mixing genau ist. Klären wir also ein paar Dinge und betrachten die Bedeutung der verschiedenen Produktionsabschnitte (und entsprechenden Services):

Editing in der Musikproduktion ist – grob gesagt – die Optimierung der aufgenommenen Performance. Das hat noch nichts mit klanglicher Bearbeitung (wie EQ, Kompression, Hall etc.) zu tun. Es geht rein um Korrekturen und künstlerische Verbesserungen von Timing und Tonhöhe/Intonation. Aus diesem Grund ist Editing für jede moderne Musikproduktion unverzichtbar – man kann diesen Teil einfach nicht auslassen, denn egal wie gut die Performance bereits ist, sie kann immer noch auf eine Art aufgewertet werden, die zum Song und zum Stil passt. Natürlich gehörten auch grundlegende Audioschnitte, Fades usw. dazu, um die Spuren aufzuräumen. Die Editing-Phase sollte von der Mixing-Phase getrennt sein.

Postproduktion (falls zutreffend): Hier werden zusätzliche Produktionselemente / Layer erstellt, die bisher noch nicht Teil der Produktion waren, aber an diesem Punkt als benötigt erachtet werden. Sie werden in der Regel verwendet, um das Arrangement auszufüllen, mehr Spannung zu erzeugen oder weil einfach noch etwas fehlt. Üblicherweise handelt es sich dabei um Synth-/Keyboard-Parts, Soundeffekte und Ähnliches.

Mixing: Wenn alles oben genannte fertig ist, kann die Produktion gemischt werden. In der Mixing-Phase läuft alles zusammen: Die Sounds werden klanglich so bearbeitet, dass sie gut zusammenpassen und das Hörerlebnis insgesamt aufgewertet wird. Im Wesentlichen geht es beim Mixing darum, alle Einzelspuren zu einer finalen Stereospur zusammenzufügen, die überall gut klingt und gleichzeitig den Song auf eine Art unterstützt, die perfekt zum Stil passt. An dieser Stelle geht es nicht darum, Fehler oder Mängel zu korrigieren. Vielmehr geht es darum, alles zusammen so ansprechend wie möglich für den Hörer klingen zu lassen, weshalb all das bereits in der Editing-Phase erledigt werden sollte.

Mastering: Das ist der Schritt, der den Mix für die Distribution vorbereitet. In der modernen Musikproduktion umfasst er auch einige finale Klangverbesserungen. Das Mastering ist auch eine letzte Qualitätskontrolle, bevor der Song endgültig veröffentlicht wird. Wenn es Probleme mit dem Mix gibt, ist das die letzte Chance, den Mix noch einmal zu überarbeiten und sie zu beheben. Die Mastering-Phase sollte den Klang nicht dramatisch verändern, sondern höchstens einige subtile Gesamtverbesserungen bringen, ohne dass jegliche Aspekte der Mischung darunter leiden.

Vor allem die letzten beiden Produktionsphasen, Mixing und Mastering (und auch Editing), erfordern völlig andere Fähigkeiten als das Schreiben oder Performen von Musik auf hohem Niveau. Gute Mixe und Master zu erstellen sowie Editing, das dem Song zugutekommt, erfordert ein tiefes Verständnis der Tontechnik, fortgeschrittene Processing-Techniken – und einfach Erfahrung.

Wenn ihr das Gefühl habt, dass das auf euch selbst nicht unbedingt zutrifft, ist es am besten, diese Teile der Produktion einem Studioprofi zu überlassen, der zu eurer Nische und eurem Stil passt.

Habt ihr Interesse an meinen Studio-Services in den Bereichen Editing, Mixing oder Mastering? Schickt mir eine Nachricht und wir sprechen über euer Projekt, um zu sehen, ob wir zusammenarbeiten können.

Raphael Arnold

Audio Engineer | Producer